Mikrologen und Silbenstecher: Beim Versuch der Schärfung des Bewusstseins für Bewusstseinsunschärfen stieß er auf sprachliche Verlegenheiten

Ein vom Vortag noch leicht unterspültes Gehirn vertiefte die Fähigkeit, auch feinstofflichere seinerseitige Impulstendenzen konturierter zu empfinden; die (statt: sie) sozusagen mental auf ihre jeweiligen Gewichte und RIchtungen hin noch einmal und in BEwusstseinsZeitlupe gewissermaßen innerlich zu erwägen. Genaugenommen also mehr all dieser minimalen, molekularen Vor-, ZU- und HIngeneigtheiten wahrzunehmen, die sonst primär auf der UNterseite des Bewusstseins ihr unbewusstes (was hier heißt: unbemerktes) Unwesen treiben. Also: Die wilde wirre Schicht des Mit- und ZU-Wahrgenommenen, kleine aufflackernde Assoziationen, die unhintergehbaren Ergänzungen und Umspielungen all der für sich genommen stummen Eindrücke, all das also, das das ganz gewöhnliche Erleben der Welt immerzu – sie erst inspirierend – umfließend umgibt, leuchtender deutlicher hervortreten zu lassen: Leiseste innere Neigungen wie Sympathien zu Gegenständen, Winkeln, Wänden, Materialien, Wendungen, verschiedenen Zügen; Abgeneigtheiten anderer- und ihrerseits natürlich auch, innerlich zu artikulieren, etwas länger als gewöhnlich in diesem kurz-vor-etwas zu verweilen.

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Ihm war dabei allerdings ohne innere Umwege klar, dass Ähnliches auch nur annähernd ähnlich an sich selber wahrzunehmen nicht allen ohne Weiteres wahrscheinlich möglich wäre, dass viele womöglich die Existenz all solcher feinstofflicher Tendenzen, Neigungen, unwillkürliche Beigebungen und Abgeneigtheiten vehement gelegentlich bestreiten würden sogar; obwohl sie alle – und das war das eigentlich Merkwürdige an alledem – ja eigentlich bis auf’s Blut gewissermaßen innerlich mit ihnen vertraut waren. Es doch sein müssten zumindest.

Unangenehm erschien daran aber vor allem, dass er selbst eine gewisse Verlegenheit empfand angesichts der Unschärfe und schweren Fassbarkeit all dieser winzigen Noch-Nichte, dieser diffusen, eigenartig unfasslichen UnDinge. Dass er bei allen Versprachlichungsversuchen immer die beunruhigende Sorge verspürte, Erfindungen, die er eigentlich erst in der Sprache machte, sich selbst als echte Empfindungen nachträglich unterzuschieben. Er also vielleicht selbst an all diesen vermeintlichen Stellen wirklich gar nichts empfände, sondern sich Empfindungen gewissermaßen selbst erst im Nachhinein – in einer schiefen inneren Operation am offenen Zeitbewusstsein gleichsam – durch die Sprache als zuvor wirklich empfunden eingäbe, er also einer Art inneren Empfindungsmetaphysik zum Opfer fiel, indem er fortwährend über unsichtbare, in der SPrache selbst erst gesponnene Fäden stolperte, sich in diesen Fäden verfing.

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Klar war jedenfalls, dass anders als über die immer nur konkrete, situative und interpersönliche Überprüfung der ANschluss- und Resonanzfähigkeit solcher Versprachlichungen, weitere bildliche Ausschilderungen und immer wieder neue Übertragungen gar nicht in Erfahrung zu bringen war, ob es das alles wirklich gab, vor allem eben: ob für andere auch. Dabei war er inzwischen zumindest vor dem eigenen Inneren relativ sicher, dass das alles wirklich zumindest irgendwie Etwas jedenfalls war. Nicht so sicher allerdings, ob irgendwie Etwas für jeden, alle, manche oder eben sonst keinen.

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Vermochte vielleicht sonst auch einfach das Ergebnis einer Art inneren Ausleerungs- und Entrümpelungsübung zu sein, dieses spezifische, irgendwie immer übertriebene mikrologische Empfinden. Unintendiertes Ergebnis einer jahrelang geübten Zurückhaltung in der Verwendung all der starken, kräftigen Bewusstseinsfarben, mit denen die äußerlich Gefestigten, die Tatmenschen im GeistE, für gewöhnlich ihre inneren Wände nach innen anzustreichen und nach außen auszustellen geneigt waren: ENtschiedenheit, Entschlossenheit, Überzeugtheit, Unbeirrbarkeit, Tatkraft, undsoweiter.

Unter dem benebelnden Einfluss solcher leuchtender Farben müsste es in der Tat schwerfallen, auf so tendenziöse Kleinigkeiten wie in einer fortwährenden privaten Mikro-Hysterie fortwährend aufzumerken; während andererseits die jahrelange Nichtverwendung dieser Farben die inneren Augen wie im Dunkeln an sehr viel feinere Unterscheid- und Bemerkungen gewöhnte – natürlich auf Kosten klarerer Konturen. Und so tat wahrscheinlich, wer langfristig als entschlossener Politiker seiner selbst in der öffentlichen Ernstwelt in Erscheinung treten wollte, am Ende wirklich gut daran, sich nicht allzu häufig ins mikrologische Gehege zu begeben.

Mikrŏlog (v. gr.), Kleinigkeitskrämer, Pedant; daher Mikrologie, 1) Lehre von kleinen Dingen; bes. 2) Haschen nach kleinlichen u. geringfügigen Dingen; 3) unnützes Aufmerken auf sie.

Ohne alle Aufmerksamkeit: Die Welt ein zerklüftetes Gemerk

Er stellte sich die ganze Wirklichkeit wie von allen vereinzelten Aufmerksamkeiten zerklüftet vor. Als wäre die Welt gar kein homogen an und in sich ruhendes, kontinuierliches Ganzes, sondern eigentlich bloß die fragile Summe all dieser sich immer nur stellenweise, augenblicksweise überschneidenden Aufmerksamkeiten.

Als würde eigentlich immer nur das jeweils irgendwie BEmerkte aus dem dumpfen stummen Sumpf der Nichtigkeit emporgehoben, überhaupt erst als überhaupt etwas da auftauchen (emergieren). Und demgegenüber all das, auf dem gar keine und noch so unwichtige Aufmerksamkeit läge, wäre gar nicht wirklich etwas, nichts jedenfalls von irgendeinem Gewicht,: einfach kein Ding halt (ni-êo-wiht): Nirgendwas. Nirgendwie.

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Und dann entstünden eben überall – auch mitten in von Menschen total bevölkerten Situationen – lauter blinde Weltwinkel, mit Aufmerksamkeit überhaupt nicht bedachte Schattenräume, unscheinbare kleine Löcher im Sein. Man denkt da zum Beispiel zuerst an ein altes, verfallendes Häuserskelett am Rande eines Feldes in der Mitte einer Nacht, in dem alles, alle Räume, in denen zum Beispiel noch der Rest eines Wohnzimmertisches verfallend schweigt, stumm ungesehen ungehört unbemerkt vor sich hin steht, in der Kälte zum Beispiel: der Wind weht mit Geräusch durch die gebrochenen Fenster, langsam bewegt sich zum Beispiel noch, seit Jahren schon, ein größerer Holzbalken, der eigentlich nur unendlich langsam da so vor sich hin fällt. Und da ist eben nichts, keiner und nichts, der das alles, nicht einmal irgendwas davon, dieses ganze Bedeutungslose, irgendwie bemerkt. Dass das alles einfach nur anonym und immer schon für alle vergessen vor sich hin geschieht.

Oder eben man denkt andersrum an einen Abend mit vielen Menschen, vierzig Stück sitzen nur relativ verstreut in einem bestimmten Gebiet zum Beispiel, auf Bänken, Matten, Tischen, Schaukeln, und ihre jeweils einzelnen Aufmerksamkeiten wandern, wie lauter kleine Augen Saurons, eben unbedarft und relativ fokuslos durch den Raum, bedenken das ein oder andere, je nach Wachheit und je relativ lokal minimal situativ gewecktem INteresse, mit verschiedenen kleinen Gewichten: Relevieren (Relevieren (lat.), erleichtern, von einer Last befreien; auf-, in die Höhe richten; etwas hervorheben, heraustreten machen; von jemand abhängig sein, namentlich früher: in Lehnsabhängigkeit stehen) so das, was es überhaupt gibt.

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Und zwischen diesen vielen einzelnen kleinen relevierten Ausschnitten Aufmerksamkeit und Sein klaffen nun eben lauter schwarze Lücken Ungemerktes. Zum Beispiel das Gesicht einer jungen Frau, dem beispielsweise drei ganze Minuten keine einzige Aufmerksamkeit von irgendwo gilt: UNd dass sie jetzt eben in diesen drei Minuten alles wilde mögliche Wirre auf ihrem Gesicht eigentlich anstellen kann – und das würde eben nie je überhaupt irgendetwas für irgendjemanden sein – außer eben sie. UNd dass dann eben insgesamt das, was überhaupt nur etwas sein könnte, ja eben nur alles irgendwie GEmerkte wäre. Und also die Welt im Ganzen ein wild schief in sich zerklüftetes Gemerk irgendwie.

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GEMEINsinnige, EIgenSInnige, Sinnabweichler. Und wehe, einer ruft wieder die Sinnpolizei.

Von der Seite so schief schräg unangenehm gekitzelt, verbal angesägt. Irgendwas stimmt schon wieder nicht. Nachricht, Botschaft, was immer das auch genau werden sollte, kommt zum anderen nicht so rüber wie ja doch zumindest mal dumpf angepeilt. Sender und EMpfänger: So gegenseitig aneinandriges Scheitern. Wirklich gar kein angenehmes Gefühl, da jetzt so drinzustecken. Hast du dir immer wieder gedacht, oder zumindest dich befunden in so einem dumpf ahnenden Zustand vor seiner inneren Formulierung: Dass jetzt hier irgendwas schiefgelaufen ist, kommunikativ verhakt, du jetzt auch nicht mehr raus kommst hier ohne weitere Investition: Beulen, Verbrechen, Beleidigung. Klebrig unangenehmes Feststecken in ob-du-willst-oder-nicht-jetzt geteilter SItuation.

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Rettungsversuche scheitern kläglicher auch. Stellt man sich vor: Die strampelnde, nach Verständigung irgendwie mit WOrten weiter kompliziert angelnde Anstrengung ganz unnötig überinvestiert, treibt dich auch nur tiefer hinein in das Schlamassel der schon jetzt verkorksten, schon jetzt absehbar totalgescheiterten Begegnung. Während im Kopf auf der anderen Seite der Eindruck sich immer weiter auswächst höchstwahrscheinlich: Es im Gegenüber, also: dir jetzt hier, mit einer voll verhedderten, irgendwie voll in ihrem EIgensinn verstrickten Mentalperson zu tun zu haben.

UNd „EIgensinn“ heißt hier halt häufig schon: Vorstufe zum, muss man so sagen, Vorstufe zum WAHNsinn eigentlich. Privatsprache, Sprachefeiert, kannjajederkommen. WASWILLDERMANN?

Weil Menschen halt häufiger auf die Voraussetzbarkeit geteilten GEMeinSInns spekulieren, weil [kurze Erklärung] die sich auch meistens in relativ eng abgezirkelten, wenig geschmeidigen Sprachkreisen bewegen tagaus tagein. SprachSumpf, VerbalINzest, Dorfkneipe, undsoweiter. Was eigentlich, also: die Voraussetzung geteilten GemeinSInns – kann man schon mal so sagen – eine eklig umarmende, vorweg auf schon vorvollzogene Verbrüdertheit setzende Bewegung ist [prä-reflexive Gemeinschaft!], also, dem anderen den eigenen EIgenSinn so als GEMEINsinn fies unangenehm ohne Vorwarnung überzustülpen. Kommstduauchnichmehrraus.

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UNd EIgensinn, kann man so rechnen: EigenSInn ist jeweils immer aus Beobachterperspektive die Abweichung vom hintergründig angepeilten, als von allen so geteilt unterstellten GemeinSInn. Zum Beispiel also die Abweichung in der bestimmten Ladung und Nuance, die einer einem bestimmten WORT gibt, die Abweichung im spezifischen DRAll, den einer in ein Wort legt, Abweichung von dem also, was der jeweilige Beobachter verMEINT, was das WORt so eigentlich und allgemein meint und – völlig unabhängig von aller konkreten Äußerung – still vor sich hin bedeutet. Also: So eine Art VERmeinung.

DAS EIgenSInnPRoblem [als Gegenproblem zum Privatsprachenproblem] taucht also immer da auf, wo einer glaubt – an Worten kann man’s halt besonders gut festmachen – den Sinn der Worte von seiner Warte aus für alle allGEMEINverbindlich festmachen zu können. Wo einer also auf vorweg fixierten GEMEinsinn hinspekuliert. [Was, ja, muss man auch zugeben, in den allermeisten Fällen von Konventionalkommunikation wirklich auch keinerlei Reibereien erzeugt, weil der so alltägliche gebräuchliche KonventionalSInn eben auch keine ganz besondere Feinheit braucht. „Brot.“ – „Butter.“ – „Balken.“ – „Platte.“ – „Bitte.“ – „Gerne.“ – „Danke.“] Und kann dann auch immer sein, in solchen Situationen, so einer ruft die Umstehenden wie Polizei zusammen um richtigzustellen, den da aufgetauchten SINNabweichler zu überführen: „Sagt man doch nicht so, oder!?“, „Nee.“, „Polizei!“.

Demgegenüber dann SO angenehm: Einer ist beweglich, geschmeidig genug. Ruft nicht an jeder Ecke die Sinnpolizei, winkt die Sprache mehr so sensitiv – den Rhythmen, Bewegungen des konkret Gesagten nachgehend – durch; versucht mehr so mitgehend da hineinzukommen, in die komische Weltstelle, von der aus der jeweils Andere da seine Sachen vor sich hin artikuliert. Nicht schwächlich passiv unkritisch türlich – türlich! – sondern mehr so mit offenem, nicht permanent auf mögliche Überführung lauerndem Ohr.

Ultragut so.

 

Wir alle unterscheiden uns lieber gemeinsam. Über die Vielfalt der Völker.

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döner essen um zwei draußen vor unserer haustür in diesem unseren wunderschönen land!? für dich eine curry-wurst vielleicht lieber?

wo genau enden identität und familienähnlichkeit? wo fängt der unterschied an? kampf um geschmack und schmecken, meinste.

sie alle verband dieser wunsch, dass irgendetwas irgendwie wieder irgendeinen unterschied machen sollte. sie setzten sich zur wehr gegen die verähnlichung von jedem und allem, gegen diese totale universale vergleichung, gegen jedermann. wirklich. sie sagten: das was ihr tut und esst und sagt und denkt ist alles wirklich ontologisch betrachtet das gleiche. ihr seid ja die totalen vergleicher von allem. auf unsere unterscheidung kommt es aber an! und sie taten und aßen und lachten und dachten und tranken und sie alle verband der gemeinsame funke von nebenan: ihr seid alle eine – und meine gemeinde. auch das noch! ich vergemeinde euch unter der gemeinsamen flagge ab heute. und sie lachten und taten und dachten und tranken und strömten von hier aus weiter nach nebenan. und sie unterhielten sich leise und lachten und dachten noch lange an ihre ahnen, was die so taten unter derselben fahne, wie die so lachten und dachten und tranken und taten, hier und genau so ähnlich auch nebenan. und was für helden die alle waren und alle waren zusammen fanfahren und unterhielten sich leise noch lange über ihre ahnen. wie die so waren und was die so machten und dachten. und immersoweiter, bis deutschland endlich das alles kapierte: schätze aller völker, lokomotiven aller zeiten: auch die inkas, auch die azteken, solange sich halt die gattungen unterscheiden! und wir alle lobten zusammen noch einmal die unterscheidung und wir saßen noch lange nebenan und lachten und verspeisten, was wir dabei hatten, jeder hatte sich irgendwas mitgebracht, und wir alle feierten leise. und auch er lachte und gedachte der alten zeiten: wie alles noch war damals, weißte!?

wenn alle sich endlich unterscheiden. ontologische zuspitzung, klar, peilste. jeder seine charakteristische seite – und wir alle zusammen dann einmal das gleiche.

„In die Unterschicht der Vernunft führt der geheimnisvolle Weg.“ – Über das Erwarten von Stimmigkeit.

Es ist eigentlich so: Ein jeder bewegt sich in artikulierten (oder von innen als artikuliert erlebten) Sinnsphären, in relativ dichten oder relativ maschenlosen Verwebungen von nebeneinander her und nacheinander hin sich abwickelnden Ereignisverläufen. Für gewöhnlich jetzt, wenn alles einigermaßen gut läuft, erscheint in solchen Verläufen das allermeiste, was geschieht, als stimmig. Andersrum eigentlich: Wenn etwas überhaupt besonders hervorgehoben erscheint, ist es allermeistens irgendeine Nicht-Stimmigkeit im sonst stimmigen Einerlei. Kleidungsstücke zum Beispiel, die nicht dazupassen, eine Stimmfarbe, die in der Situation jetzt hier eigentlich nicht angemessen ist, oder die Fortsetzung einer Melodie, die so irgendwie nicht stimmt, ein Ton, der nicht passt, die Formulierung eines Satzes, die mindestens innerlich man sich unbedingt zu korrigieren ereifert fühlt, ein Verhalten, das hier so auf keinen Fall geht, in einem Gedicht ein Vers, der nicht passt, ein Ereignis, das jetzt irgendwie unmöglich erscheint. Jedenfalls, als Grundeindruck: „Hier stimmt doch was nicht“, sowas.

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Menschliches Erleben ganz allgemein zeichnet sich also, wie hiermit erwiesen, durch Stimmigkeits-Erwartungen aus. Das innere vorweg schon Fortsetzen – oder auch: das vorweg Erwarten stimmiger Fortsetzung – bildet die eigentliche Unterschicht der Vernunft. Und „Unterschicht“ heißt hier: Den Mechanismus, aus dem heraus sich voraussetzungsreichere Arten der Stimmigkeits-Detektion und -Erwartung – wie kausale und logische Implikationen – genetisch erst ableiten. (Was wiederum nicht heißt, dass zum Beispiel logisch stimmige Schlüsse nicht einfach auch schon so vor sich hin gelten. [Unterscheide hier wie immer „Entstehungs-“ und „Rechtfertigungszusammenhang“])

Die Erwartung von Stimmigkeit also als anthropologische Unterlage dessen, was später Kohärenz oder Konsistenz heißt. Ein stimmiger Anschluss ist aber noch keine logische Fortführung, ist nicht die Realisierung oder Erfüllung einer Implikation im logischen oder kausalen Sinn. Das Erwarten stimmiger Fortsetzung wird aber doch zumindest logisch-kausal-implikationsartig, wenn man die Fortsetzung ganz bestimmter Ereignisse erwartet: Die Fortsetzung der Flugbahn eines geworfenen Steins zum Beispiel. Nicht aber: die Fortsetzung eines Gesprächs, die Fortsetzung einer Melodie, die Fortsetzung einer menschlichen Bewegung; da man letztere, wenn man sie genau wie die Steinbahn kausal erwarten wollte, nur sehr viel voraussetzungreicher so erwarten könnte, weil die bisherigen Töne einer Melodie die nächsten Töne eben nicht in derselben Weise vorhersehbar machen wie Position und Geschwindigkeit des fliegenden Steins zu einer bestimmten Zeit s3ine nächste Bewegung. Im Falle des Steins koinzidiert gewissermaßen der stimmige Anschluss mit der kausalen Vorhersage. Die mitgehende Vorwegnahme der Melodie aber erfordert die Erwartung einer anderen Form der Stimmigkeit. Passt, passt nicht: Inneres Mit- und Vorweggehen einer Bewegung.

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Und was Menschen nun alltäglich vor allem zu erwarten haben sind eben nicht wie im Falle des fliegenden Steins kausal-vorwegzusehende Entwicklungen physischer Ereignisreihen, sondern eben: sich vor sich hin abwickelnde, Menschen und ihre Eigenarten, ihr ganzes wirres Sein und Handeln einbeziehende Ereignisverläufe, die erfolgreich nur erwartet, wer einigermaßen erfolgreich ebenfalls miterwartet die idiosynkratischen, jeweiligen Erwartungen spezifischer Stimmigkeit, die die anderen an Situationen und eigenes Handeln herantragen. Heißt zum Beispiel: Miterwarten, welche Anschlüsse konkrete Andere jetzt hier als stimmig, nicht-stimmig erwarten, was wohl wie geschieht, wenn etwas sie so oder anders irritiert, man sie plötzlich aggressiv anschreit um dann zu lächeln auf einmal zum Beispiel. Ein mitlaufendes Überprüfen und Vorweg-Erwarten innerer Stimmigkeiten also, in dem es, wie gesagt, eben noch nicht um logische Schlüssigkeiten, Ableitungen, inferentielle Beziehungen geht.

Muss man sich das Bewusstsein deshalb wahrscheinlich am ehesten als etwas vorstellen, das gewissermaßen automatisch immer überall, sobald es irgendwelche Ansätze zu etwas sieht, impulsiv weiterzeichnet, imaginativ Szenen, Sequenzen, Elemente weiterführt, als ob es eben überall auf die Möglichkeit der Vorwegnahme, eine mögliche Regel, spekulierte. Könnte man vielleicht so sagen: Die Vernunft ist musikalisch, bevor sie logisch deduziert. Oder ebenso, in Bezug auf das Denken: Bevor das Denken schließt, genießt es imaginativ-rezipierend entlang vermeinter und sich fortwährend realisierender Stimmigkeiten. Die Unterschicht der Logik ist musikalisch. So irgendwie.

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Passive Phantasie und imaginative Umspielung

Was mir kürzlich aufgegangen ist, en passant, beiläufig: das unheimliche Talent, muss man so sagen, das unheimliche menschliche Talent, mit allem anderen, was um sie herum, im Umkreis ihrer Wahrnehmung geschieht, erlebend mitzugehen. Oder anders: es imaginativ mit Leben zu erfüllen. Wenn man sich vorstellt: Mit den Augen zum Beispiel eine Sache verfolgen, fallende Vase, sagen wir, und eine Art SchmerzVorgefühl zu empfinden, wenn sie sich zu schnell auf eine Wand oder den Boden zubewegt. Oder: Bei einem Videospiel mit der gespielten Figur, einem über Flächen bewegten Ball etwa, in einem FIlm mit der auf die Ecke, hinter der sich irgendetwas ereignen könnte, zugehende PErson mitfiebern (oder eher mit der Ecke!?). Oder eben auch: Einem Kuscheltier, irgendeinem kleinen Gegenstand, Talisman, offen oder heimlich große symbolische Wichtigkeit zu geben, ihm „Leben einzuhauchen“, was ja nicht nur eine willkürliche Erfindung, Konstruktion der Person ist, sondern etwas, was diese Person dann tatsächlich so empfindet. Oder noch einfacher – klar: Marx – Geldscheine als etwas Wertvolles wirklich zu erleben, FETISCHISIERUNG. Worte auch:

„Das Bewußtsein wächst in die Worte hinein, das Bewußtsein transzendiert in die Worte. Vergessen — was heißen diese Buchstaben? Nichts, nicht zu verstehen. Aber mit ihnen ist das Bewußtsein in bestimmter Richtung verbunden, es schlägt in diesen Buchstaben an, und diese Buchstaben nebeneinander gesetzt schlagen akustisch und emotionell in unserem Bewußtsein an. Darum ist oublier nie Vergessen. Oder nevermore mit seinen zwei kurzen verschlossenen Anfangssilben und dann dem dunklen strömenden more, in dem für uns das Moor aufklingt und la mort, ist nicht nimmermehr — nevermore ist schöner. Worte schlagen mehr an als die Nachricht und den Inhalt, sie sind einerseits Geist, aber haben andererseits das Wesenhafte und Zweideutige der Dinge der Natur.“

Benn, Probleme der Lyrik

Der imaginierend antizipatorische Impuls – was man früher Einbildungskraft nannte, was man auch passive Phantasie nennen könnte – scheint den Menschen ihre Welt erst als die zu beleben, als die sie ihnen dann erscheint. Der Mensch haucht den Dingen, sie imaginativ umspielend, erst ihren Lebensatem ein: Weltinspiration.

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Um die Welt zu sein, in der wir leben, bedarf die Welt dieser subjektseitigen Inspiration, die je und je immer wieder minimal divergiert. Als was wir die DInge erleben, die Freundlichkeit einer Landschaft, Witzigkeit einer Melodie, Stimmungen und Atmosphären, all sowas ist nicht einfach so da, liegt nicht im Raum wie ein Stück Lehm – das muss von Mensch zu Mensch mindestens ein bisschen ähnlich herbeigeleistet werden, damit sie miteinander irgendwie ein bisschen an ähnlichen Stellen wenigstens sich befinden.

Dazu gehört dann etwa auch der Umstand, dass PerspektivÜBERNAHME eine schiefe Bezeichnung für etwas ist, das eigentlich eine subjektseitige, inspirierende Leistung voraussetzt. Die Perspektive des Anderen ist mir ja nicht einfach gegeben, sie ist mir nicht verfügbar wie die Zahlen auf einer ANzeige, sie muss da allererst HIN-erlebt werden, an den anderen heran, in die Oberfläche seiner Erscheinung HINEINphantasiert (um diese Phantasierung dann vielleicht zu übernehmen). Der ABGRUND also zum Beispiel, der mich im ANTLITZ des Anderen anfunkelt, ist genau das: die Grenze der Möglichkeit sicherer, passiver Phantasierung.

Man muss in so einem Fall ja nicht bloß wie bei einem geworfenen Stein die mögliche Flugbahn vorausphantasieren, nicht bloß passiv phantasieren, dass der Boden stabil bleibt, sondern diese ganze oberflächlich-untergründige phantastische bewegte Bewegtheit eines Bewusstseins, dieses ganze Eigentümliche, was den einen Rap-Musik mit Euphorie hören und eine gewisse Faszination zum Beispiel für narzisstische Handlungsmuster besitzen lässt und andere dann wiederum ganz anderswie: All das muss man dann da passiv herbeiphantasieren und besitzt zugleich immernur all die indirekten Wege, dieses passiv Herbeiphantasierte, die Projektion eines anderen Bewusstseins, irgendwie auf seine Angemessenheit hin zu prüfen. Rückschlüsse aus Reaktionen auf Ereignisse und Handlungen.

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Demgegenüber angenommen, der Mensch hätte wirklich eine FLACHE WAHRNEHMUNG, paradigmatisch etwa nur die Wahrnehmung, die aus einer flachen Auslegung der Kritik der reinen Vernunft folgt. Eine also, in der ein organisch-pulsierendes Lebewesen und ein Felsen zunächst einfach durch die scharfen Schnittmesser der Kategorien als einzelne, raumzeitliche, auf die Perlenkette der Kausalität aufgeschnürte physische Gegenstände verstandesgemäß als Erscheinungen konstituiert sind und so dann auch erlebt (erfahren!) werden: Hier, auf dieser Ebene gäbe es eben erstmal gar keinen erlebbaren, kategorialen Unterschied zwischen diesem Lebendigen und diesem Steinding, der sich alltäglich einfach darin äußert, dass man solche DInge völlig verschieden erlebt. Eine merkwürdig uninspirierte Welt, wie man das manchmal als Nihilismus präsentiert findet oder beim späten Heidegger als Fluchtpunkt des Gestells vielleicht: Einfacher Beschreibungsfehler.