Zerstreute Träume der Möglichkeit stimmiger Transzendentalpoesie

„Gilt das, was Du anmahnst, nicht für jedes philosophische Idiom? Werden nicht sprachanalytische, naturalistische, systemtheoretische, diskursanalytische Nacherzählungen ebenso ontifiziert? Die Aufgabe einer Aktualisierung und kontinuierlichen Transfiguration scheint keinem philosophischem Idiom erspart zu bleiben…hier taucht ein diffuser Begriff von „Leben“ auf: die Sprache soll leben, insofern wir sie bejahen können wollen. Was ist das genau, das Leben-Können-Sollen-und-Wollen eines philosophischen Idioms? Selbst der trockenste Positivist scheint irgendeinen Anspruch auf das Lebendig-Sein seines Idioms zu erheben…“

Ja, das würde ich auch so sehen, dass die anderen Idiome ebenfalls der Ontifizierung durch Einschleifen ihres Gebrauchs unterliegen und dass es genau das auch anzumahnen gilt. Genau dies ja das Problem etwa des unhinterfragten Redens von „mentalen Zuständen“, dem BDI-Modell des Bewusstseins usw. So viel handfeste Ontologie steckt hier schon in der verwendeten Sprache, die ihren Ursprung nicht einmal ausweisen zu müssen vermeint. Die Idiome erstarren, genau, wie du sagst, gerinnen zu toten Formen, die nur mehr nachzusprechen irgendwie den Moment oder das jeweils Aktuelle oder zu Aktualisierende ihrer Schöpfung nivelliert, verunklart, verdunkelt. Und nun frage ich mich eben, ob die Phänomenologie, sobald sie sich zu einem System verschrauben will – sobald sie in einem Sinn, der mir noch nicht wirklich zugänglich ist, „architektonisch“ werden will – ob sie will oder nicht nicht genau in diese Falle läuft: Sie beginnt, sich an Stellen zu terminologisieren, wo eingestandenermaßen kaum mehr eine einfache, anschauliche Aufweisung hinreicht. Während etwa das Phänomen der Abschattung, die Dimension des intentionalen Gegenstandes, sein Verhältnis zum vermeintlich unmittelbaren reellen Aktbestand usw. relativ einfach und mit tausenderlei verschiedenen Begriffen und Umschreibungungen anzupeilen, anzuzeigen, aufzuweisen ist, verhält es sich mit all diesen begrifflich festgestellten Stellen eines vermeintlich vorgängigen Prozesses der alltäglichen Phänomenalisierung (jetzt beispielsweise) wie mit aus phänomenaler Luft gebauten Treppenstufen, bei denen ich mich jedesmal frage, ob ich mich wirklich im artikulierten Phänomen oder nicht vielmehr in einer terminologischen Artikulation als Phänomen bewege, die ich mit einer Artikulation des Phänomens verwechsle.

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Was – wenn ich mich selbst beim Versuch, solche Sprachen zu sprechen, beobachte – geschieht, scheint mir zu sein, dass ich mich langsam aber sicherer in diesen Begriffen zu bewegen lerne. Und an was ich festmache, ob ich gelernt habe, mich in diesen Begriffen zu bewegen, ist in einem Text: Ob die nächsten folgenden Formulierungen etwa dem entsprechen, was ich mir als nächste Formulierungen hätte vorstellen können oder zumindest, was mir im Nachhinein als stimmige Fortsetzung der geschriebenen Rede erscheint. In einem Gespräch wiederum: Ob der andere ähnlich stimmig anschließend mir zu sprechen scheint, ob er weiter affirmativ und fortsetzend mit dem von mir Gesagten umzugehen weiß. Und wenn das nun gelingt, entwickeln die gebrauchten Vokabeln wie von selbst den Eindruck phänomenaler oder bedeutungsmäßiger Gefülltheit, sie beginnen den Eindruck zu erwecken, sie würden phänomenal tragen, wirklich etwas bezeichnen usw. (Und sie bezeichnen ja auch wirklich etwas, machen ja einen Unterschied. Aber sind nicht was sie bezeichnen feine Unterschiede im weiteren Verlauf der artikulierten Sprache? Sind nicht was sie bezeichnen beispielsweise weitere Vokabeln, ganze Wortfelder, die zu ihnen gehören, Reihenfolgen von Artikulationen!? Also ja: Die Bedeutung dieser Worte ist ihr Gebrauch in der Sprache, aber ihr Gebrauch kennt hier kein Außerhalb des Sprechens außer eine vage imaginäre mentale Mechanik von Müsste-es-nicht-so-sein.) Man kann sie jetzt mit dem zufriedenen Gefühl gebrauchen, in ihnen nicht ohne weiteres abzuschmieren. Aber tun sie das wirklich? Tun sie das wirklich in dem angestrebten Sinn? Teilen sie etwas über die Phänomenalisierung mit, oder ist ihr Mitteilen nicht mehr ein performativer Beweis für die These, dass Sinngenese sich pragmatisch genau durch diese Art von Aufladung beliebiger signifikanter Elemente durch deren quasi-musikalische Konstellation in wiederkehrenden, variierbaren zeiträumlichen Gefügen vollzieht? [Klingt hier schon fast wie eine vulgäre Polemik gegen vermeintlichen Nonsense, ist aber wirklich nicht so gemeint.]

Ich stelle mir das etwa so vor: Wir bauen ein metaphysisches oder transzendentales Theater, in dem wir verschiedene Rollen vergeben. Die Rollen werden diesmal von Begriffen oder abstrakten Kräften gespielt. Was wir aufführen ist die Entstehung der Welt, diesmal als primordiales, vorlogisches Theater [„Theater des Transzendentalen“ müsste das wohl eigentlich heißen], das die Genese des Anscheins der phänomenalen Stabilität der Welt und ihre Hypostasen als Drama nacherzählt. UNsere Protagonisten: Die Unterstellung der Stabiltiät als vorbegriffliche – aber begriffsermöglichende – fungierende Leistung (Eines Bewusstseins? Einer anonymen, vorpersönlichen Instanz? Wir lassen das offen!). Das sich-selbst-gebende, nie begrifflich vollständig zu erfassende Phänomen (das früher vielleicht „das Mannigfaltige“ oder ganz anders hieß). Das umspielend-poetische Offenhalten auf Mögliches hin, das immer einen immanenten Überschuss mit einschließt (Wieder offen, wer was oder wo das zu verorten ist). Wir erzählen: Die unendliche Geschichte von der vermeintlichen Stabilisierung, Fixierung, Versteinerung der Welt. Wie die Welt ihre innere Flüssigkeit immerzu durch die Mächte der Gerinnung zu verlieren droht, die sich der unscheinbaren Phänomene mutwillig zu bemächtigen trachten, sie einzusperren trachten in vorgefasste Register, in vorgefasste Ordnungen der Welt. Und im Hintergrund des von uns so aufgeführten, nachgezeichneten Dramas treten wir dabei irgendwie als wesenlose, schattenhafte Befreier der Freiheit der Welt auf den Plan. Fürstreiter der Offenheit des Offenen. Letzte Helden der Antifinalität, die mit Mut, Finesse und Präzision gegen die fatale und letzte Schließung der Welt ankämpfen. Witz, Wahn und Wirrniss als unsere Mitstreiter – und alle sonstwie apeirotropen Gesellen.

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Ich finde das sehr sympathisch. Würde die mir zur Verfügung [oder eher bei Fuß] stehenden Hintergrundevidenzen, die mir nahen Evidenzszenarien selbst so ähnlich beschreiben. Allein mir fehlt der Glaube, dass sich daraus definitive Theorie generieren lässt. Dass das, was sich daran richtig anfühlt, und das, worüber es richtig sich anzufühlen vorgibt, wirklich dasselbe ist. Zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht. Oder doch andersrum der so spricht zu feige, die Wahrheit einfach aus dem Vollen zu schöpfen. Aber sollte man das denn? Und selbst, wenn man das könnte: Müsste man nicht dennoch immer wissen, dass man einfach nicht wissen kann, ob man das wirklich kann?

Bewusstseinsmelodien als die gefühlten Zuhause von Personen. Eine kleine ANleitung

Man führe folgende Übung durch: Zu jedem schweigend an einem vorbeigehenden Menschen imaginiere man eine in seinem oder ihrem Kopf fortwährend sich wiederholende MElodie. Man ergänze also eine eigentlich jeweils nur von innen erhörbare Wiederholung, einen kleinen Bewusstseinsloop (oder auch gleich mehrere), der gar nicht unbedingt besonders melodiös sein muss, sondern gelegentlich auch einfach eine Reihe von dumpfen oder knirschenden Lauten sein kann ([ruppig:] „hm? hm? hm?“, [fröhlich:] „fffff. fffff. ffff.“). Jedenfalls: irgendwie wiederkehrende, vielleicht nach Situation variierende kleine Lieder und Motive, wie man sie manchmal von Menschen tatsächlich auch geäußert kennt, deren Äußerungssicherungen etwas lockerer sitzen als bei vielen anderen, die zum Beispiel offen lautstark schimpfend, mekelnd, meckernd durch die GAssen ziehen, sich wütend an der Welt abarbeitend, sodass ein jeder sofort sehen kann: Ahja, das ist jetzt also einer von dessen kleinen Bewusstseinsloops, eine kleine Pose, das ist jetzt etwas, worauf er oder sie immer wieder zurückkommt, diese spezifische Artikulation, dieser in seiner ganzen möglichen BReite ausgekostete Ärger an der Welt jetzt zum Beispiel.

Das zunächst also als reine Spekulation.

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Und von da aus nun achte man auch bei jedem erlebten Sprechen, bei jedem Zuhören, bei jedem sich einen Platz in einem Zimmer oder an einem Tisch Suchen, bei jeder zum Hören gewählten Musik – und vor allem nicht zuletzt immer am sonst irgendwie eigenen Tun und Machen – auf solche wiederkehrenden Motive. Sodann stellt sich bald und schnell heraus, dass auch hier, sagen wir etwa in der alltäglichen Rede einer Person, beispielsweise bestimmte Wörter oder Satzmelodien immer wieder auftauchen, bestimmte Begriffe, mit denen jemand seinen imaginären Weltwohnraum sich entweder äußerst bequem, genussvoll, gediegen jetzt zum Beispiel oder im Gegenteil eben sehr spartanisch, karg, voller Mühsal – oder auch irgendwie eben ganz spezifisch anders – auskleidet und einrichtet. Zum Teil solche kleinen Gesten und Partikel von anderen erst übernommen natürlich, aber eben doch so, genau so, weil sie da reinpassen, weil sich die eigene Weltmelodie in eine Richtung entfaltet, zu der die jeweilige Geste irgendwie passt, die besonderen Wörter und Phrasen gut an bestimmte Stellen in den jeweiligen Weltraum passten. So dann eben auch die im Gespräch immer wiederkehrenden Diskurspartikel, Stammelsilben, die immer wieder auftauchenden Adlibs, kleinen Beliebigkeiten der eigenen Existenz, die die jeweilige Lebens-Atmosphäre markieren und sie in die erspürte Welt einzeichnen wie auf eine gehauchte Landkarte der Existenztemperamente.

Müssen aber eben nicht unbedingt bloß verbale Artikulationen im engeren Sinne sein, auch eine bestimmte, umständliche Art zum Beispiel, Sätze zu konstruieren, oder eine bestimmte, autoritäre Intonation, ein bestimmter Ton, den jemand etwa in offizielleren oder belustigenderen Situationen besonders gerne spricht, eine bestimmte Haltung, die von ihr oder ihm immer wieder mit innerem Vergnügen (kann nach außen aber auch ganz unvergnüglich wirken und aussehen mitunter) – verbal oder körperlich – eingenommen, wiederhergestellt, verkörpert wird.

UNd das jeweils sind nun sowas wie die gefühlten Zuhause einer Person. Kann man mal drauf achten.

Mikrologen und Silbenstecher: Beim Versuch der Schärfung des Bewusstseins für Bewusstseinsunschärfen stieß er auf sprachliche Verlegenheiten

Ein vom Vortag noch leicht unterspültes Gehirn vertiefte die Fähigkeit, auch feinstofflichere seinerseitige Impulstendenzen konturierter zu empfinden; die (statt: sie) sozusagen mental auf ihre jeweiligen Gewichte und RIchtungen hin noch einmal und in BEwusstseinsZeitlupe gewissermaßen innerlich zu erwägen. Genaugenommen also mehr all dieser minimalen, molekularen Vor-, ZU- und HIngeneigtheiten wahrzunehmen, die sonst primär auf der UNterseite des Bewusstseins ihr unbewusstes (was hier heißt: unbemerktes) Unwesen treiben. Also: Die wilde wirre Schicht des Mit- und ZU-Wahrgenommenen, kleine aufflackernde Assoziationen, die unhintergehbaren Ergänzungen und Umspielungen all der für sich genommen stummen Eindrücke, all das also, das das ganz gewöhnliche Erleben der Welt immerzu – sie erst inspirierend – umfließend umgibt, leuchtender deutlicher hervortreten zu lassen: Leiseste innere Neigungen wie Sympathien zu Gegenständen, Winkeln, Wänden, Materialien, Wendungen, verschiedenen Zügen; Abgeneigtheiten anderer- und ihrerseits natürlich auch, innerlich zu artikulieren, etwas länger als gewöhnlich in diesem kurz-vor-etwas zu verweilen.

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Ihm war dabei allerdings ohne innere Umwege klar, dass Ähnliches auch nur annähernd ähnlich an sich selber wahrzunehmen nicht allen ohne Weiteres wahrscheinlich möglich wäre, dass viele womöglich die Existenz all solcher feinstofflicher Tendenzen, Neigungen, unwillkürliche Beigebungen und Abgeneigtheiten vehement gelegentlich bestreiten würden sogar; obwohl sie alle – und das war das eigentlich Merkwürdige an alledem – ja eigentlich bis auf’s Blut gewissermaßen innerlich mit ihnen vertraut waren. Es doch sein müssten zumindest.

Unangenehm erschien daran aber vor allem, dass er selbst eine gewisse Verlegenheit empfand angesichts der Unschärfe und schweren Fassbarkeit all dieser winzigen Noch-Nichte, dieser diffusen, eigenartig unfasslichen UnDinge. Dass er bei allen Versprachlichungsversuchen immer die beunruhigende Sorge verspürte, Erfindungen, die er eigentlich erst in der Sprache machte, sich selbst als echte Empfindungen nachträglich unterzuschieben. Er also vielleicht selbst an all diesen vermeintlichen Stellen wirklich gar nichts empfände, sondern sich Empfindungen gewissermaßen selbst erst im Nachhinein – in einer schiefen inneren Operation am offenen Zeitbewusstsein gleichsam – durch die Sprache als zuvor wirklich empfunden eingäbe, er also einer Art inneren Empfindungsmetaphysik zum Opfer fiel, indem er fortwährend über unsichtbare, in der SPrache selbst erst gesponnene Fäden stolperte, sich in diesen Fäden verfing.

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Klar war jedenfalls, dass anders als über die immer nur konkrete, situative und interpersönliche Überprüfung der ANschluss- und Resonanzfähigkeit solcher Versprachlichungen, weitere bildliche Ausschilderungen und immer wieder neue Übertragungen gar nicht in Erfahrung zu bringen war, ob es das alles wirklich gab, vor allem eben: ob für andere auch. Dabei war er inzwischen zumindest vor dem eigenen Inneren relativ sicher, dass das alles wirklich zumindest irgendwie Etwas jedenfalls war. Nicht so sicher allerdings, ob irgendwie Etwas für jeden, alle, manche oder eben sonst keinen.

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Vermochte vielleicht sonst auch einfach das Ergebnis einer Art inneren Ausleerungs- und Entrümpelungsübung zu sein, dieses spezifische, irgendwie immer übertriebene mikrologische Empfinden. Unintendiertes Ergebnis einer jahrelang geübten Zurückhaltung in der Verwendung all der starken, kräftigen Bewusstseinsfarben, mit denen die äußerlich Gefestigten, die Tatmenschen im GeistE, für gewöhnlich ihre inneren Wände nach innen anzustreichen und nach außen auszustellen geneigt waren: ENtschiedenheit, Entschlossenheit, Überzeugtheit, Unbeirrbarkeit, Tatkraft, undsoweiter.

Unter dem benebelnden Einfluss solcher leuchtender Farben müsste es in der Tat schwerfallen, auf so tendenziöse Kleinigkeiten wie in einer fortwährenden privaten Mikro-Hysterie fortwährend aufzumerken; während andererseits die jahrelange Nichtverwendung dieser Farben die inneren Augen wie im Dunkeln an sehr viel feinere Unterscheid- und Bemerkungen gewöhnte – natürlich auf Kosten klarerer Konturen. Und so tat wahrscheinlich, wer langfristig als entschlossener Politiker seiner selbst in der öffentlichen Ernstwelt in Erscheinung treten wollte, am Ende wirklich gut daran, sich nicht allzu häufig ins mikrologische Gehege zu begeben.

Mikrŏlog (v. gr.), Kleinigkeitskrämer, Pedant; daher Mikrologie, 1) Lehre von kleinen Dingen; bes. 2) Haschen nach kleinlichen u. geringfügigen Dingen; 3) unnützes Aufmerken auf sie.

Ohne alle Aufmerksamkeit: Die Welt ein zerklüftetes Gemerk

Er stellte sich die ganze Wirklichkeit wie von allen vereinzelten Aufmerksamkeiten zerklüftet vor. Als wäre die Welt gar kein homogen an und in sich ruhendes, kontinuierliches Ganzes, sondern eigentlich bloß die fragile Summe all dieser sich immer nur stellenweise, augenblicksweise überschneidenden Aufmerksamkeiten.

Als würde eigentlich immer nur das jeweils irgendwie BEmerkte aus dem dumpfen stummen Sumpf der Nichtigkeit emporgehoben, überhaupt erst als überhaupt etwas da auftauchen (emergieren). Und demgegenüber all das, auf dem gar keine und noch so unwichtige Aufmerksamkeit läge, wäre gar nicht wirklich etwas, nichts jedenfalls von irgendeinem Gewicht,: einfach kein Ding halt (ni-êo-wiht): Nirgendwas. Nirgendwie.

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Und dann entstünden eben überall – auch mitten in von Menschen total bevölkerten Situationen – lauter blinde Weltwinkel, mit Aufmerksamkeit überhaupt nicht bedachte Schattenräume, unscheinbare kleine Löcher im Sein. Man denkt da zum Beispiel zuerst an ein altes, verfallendes Häuserskelett am Rande eines Feldes in der Mitte einer Nacht, in dem alles, alle Räume, in denen zum Beispiel noch der Rest eines Wohnzimmertisches verfallend schweigt, stumm ungesehen ungehört unbemerkt vor sich hin steht, in der Kälte zum Beispiel: der Wind weht mit Geräusch durch die gebrochenen Fenster, langsam bewegt sich zum Beispiel noch, seit Jahren schon, ein größerer Holzbalken, der eigentlich nur unendlich langsam da so vor sich hin fällt. Und da ist eben nichts, keiner und nichts, der das alles, nicht einmal irgendwas davon, dieses ganze Bedeutungslose, irgendwie bemerkt. Dass das alles einfach nur anonym und immer schon für alle vergessen vor sich hin geschieht.

Oder eben man denkt andersrum an einen Abend mit vielen Menschen, vierzig Stück sitzen nur relativ verstreut in einem bestimmten Gebiet zum Beispiel, auf Bänken, Matten, Tischen, Schaukeln, und ihre jeweils einzelnen Aufmerksamkeiten wandern, wie lauter kleine Augen Saurons, eben unbedarft und relativ fokuslos durch den Raum, bedenken das ein oder andere, je nach Wachheit und je relativ lokal minimal situativ gewecktem INteresse, mit verschiedenen kleinen Gewichten: Relevieren (Relevieren (lat.), erleichtern, von einer Last befreien; auf-, in die Höhe richten; etwas hervorheben, heraustreten machen; von jemand abhängig sein, namentlich früher: in Lehnsabhängigkeit stehen) so das, was es überhaupt gibt.

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Und zwischen diesen vielen einzelnen kleinen relevierten Ausschnitten Aufmerksamkeit und Sein klaffen nun eben lauter schwarze Lücken Ungemerktes. Zum Beispiel das Gesicht einer jungen Frau, dem beispielsweise drei ganze Minuten keine einzige Aufmerksamkeit von irgendwo gilt: UNd dass sie jetzt eben in diesen drei Minuten alles wilde mögliche Wirre auf ihrem Gesicht eigentlich anstellen kann – und das würde eben nie je überhaupt irgendetwas für irgendjemanden sein – außer eben sie. UNd dass dann eben insgesamt das, was überhaupt nur etwas sein könnte, ja eben nur alles irgendwie GEmerkte wäre. Und also die Welt im Ganzen ein wild schief in sich zerklüftetes Gemerk irgendwie.

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GEMEINsinnige, EIgenSInnige, Sinnabweichler. Und wehe, einer ruft wieder die Sinnpolizei.

Von der Seite so schief schräg unangenehm gekitzelt, verbal angesägt. Irgendwas stimmt schon wieder nicht. Nachricht, Botschaft, was immer das auch genau werden sollte, kommt zum anderen nicht so rüber wie ja doch zumindest mal dumpf angepeilt. Sender und EMpfänger: So gegenseitig aneinandriges Scheitern. Wirklich gar kein angenehmes Gefühl, da jetzt so drinzustecken. Hast du dir immer wieder gedacht, oder zumindest dich befunden in so einem dumpf ahnenden Zustand vor seiner inneren Formulierung: Dass jetzt hier irgendwas schiefgelaufen ist, kommunikativ verhakt, du jetzt auch nicht mehr raus kommst hier ohne weitere Investition: Beulen, Verbrechen, Beleidigung. Klebrig unangenehmes Feststecken in ob-du-willst-oder-nicht-jetzt geteilter SItuation.

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Rettungsversuche scheitern kläglicher auch. Stellt man sich vor: Die strampelnde, nach Verständigung irgendwie mit WOrten weiter kompliziert angelnde Anstrengung ganz unnötig überinvestiert, treibt dich auch nur tiefer hinein in das Schlamassel der schon jetzt verkorksten, schon jetzt absehbar totalgescheiterten Begegnung. Während im Kopf auf der anderen Seite der Eindruck sich immer weiter auswächst höchstwahrscheinlich: Es im Gegenüber, also: dir jetzt hier, mit einer voll verhedderten, irgendwie voll in ihrem EIgensinn verstrickten Mentalperson zu tun zu haben.

UNd „EIgensinn“ heißt hier halt häufig schon: Vorstufe zum, muss man so sagen, Vorstufe zum WAHNsinn eigentlich. Privatsprache, Sprachefeiert, kannjajederkommen. WASWILLDERMANN?

Weil Menschen halt häufiger auf die Voraussetzbarkeit geteilten GEMeinSInns spekulieren, weil [kurze Erklärung] die sich auch meistens in relativ eng abgezirkelten, wenig geschmeidigen Sprachkreisen bewegen tagaus tagein. SprachSumpf, VerbalINzest, Dorfkneipe, undsoweiter. Was eigentlich, also: die Voraussetzung geteilten GemeinSInns – kann man schon mal so sagen – eine eklig umarmende, vorweg auf schon vorvollzogene Verbrüdertheit setzende Bewegung ist [prä-reflexive Gemeinschaft!], also, dem anderen den eigenen EIgenSinn so als GEMEINsinn fies unangenehm ohne Vorwarnung überzustülpen. Kommstduauchnichmehrraus.

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UNd EIgensinn, kann man so rechnen: EigenSInn ist jeweils immer aus Beobachterperspektive die Abweichung vom hintergründig angepeilten, als von allen so geteilt unterstellten GemeinSInn. Zum Beispiel also die Abweichung in der bestimmten Ladung und Nuance, die einer einem bestimmten WORT gibt, die Abweichung im spezifischen DRAll, den einer in ein Wort legt, Abweichung von dem also, was der jeweilige Beobachter verMEINT, was das WORt so eigentlich und allgemein meint und – völlig unabhängig von aller konkreten Äußerung – still vor sich hin bedeutet. Also: So eine Art VERmeinung.

DAS EIgenSInnPRoblem [als Gegenproblem zum Privatsprachenproblem] taucht also immer da auf, wo einer glaubt – an Worten kann man’s halt besonders gut festmachen – den Sinn der Worte von seiner Warte aus für alle allGEMEINverbindlich festmachen zu können. Wo einer also auf vorweg fixierten GEMEinsinn hinspekuliert. [Was, ja, muss man auch zugeben, in den allermeisten Fällen von Konventionalkommunikation wirklich auch keinerlei Reibereien erzeugt, weil der so alltägliche gebräuchliche KonventionalSInn eben auch keine ganz besondere Feinheit braucht. „Brot.“ – „Butter.“ – „Balken.“ – „Platte.“ – „Bitte.“ – „Gerne.“ – „Danke.“] Und kann dann auch immer sein, in solchen Situationen, so einer ruft die Umstehenden wie Polizei zusammen um richtigzustellen, den da aufgetauchten SINNabweichler zu überführen: „Sagt man doch nicht so, oder!?“, „Nee.“, „Polizei!“.

Demgegenüber dann SO angenehm: Einer ist beweglich, geschmeidig genug. Ruft nicht an jeder Ecke die Sinnpolizei, winkt die Sprache mehr so sensitiv – den Rhythmen, Bewegungen des konkret Gesagten nachgehend – durch; versucht mehr so mitgehend da hineinzukommen, in die komische Weltstelle, von der aus der jeweils Andere da seine Sachen vor sich hin artikuliert. Nicht schwächlich passiv unkritisch türlich – türlich! – sondern mehr so mit offenem, nicht permanent auf mögliche Überführung lauerndem Ohr.

Ultragut so.

 

Wir alle unterscheiden uns lieber gemeinsam. Über die Vielfalt der Völker.

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döner essen um zwei draußen vor unserer haustür in diesem unseren wunderschönen land!? für dich eine curry-wurst vielleicht lieber?

wo genau enden identität und familienähnlichkeit? wo fängt der unterschied an? kampf um geschmack und schmecken, meinste.

sie alle verband dieser wunsch, dass irgendetwas irgendwie wieder irgendeinen unterschied machen sollte. sie setzten sich zur wehr gegen die verähnlichung von jedem und allem, gegen diese totale universale vergleichung, gegen jedermann. wirklich. sie sagten: das was ihr tut und esst und sagt und denkt ist alles wirklich ontologisch betrachtet das gleiche. ihr seid ja die totalen vergleicher von allem. auf unsere unterscheidung kommt es aber an! und sie taten und aßen und lachten und dachten und tranken und sie alle verband der gemeinsame funke von nebenan: ihr seid alle eine – und meine gemeinde. auch das noch! ich vergemeinde euch unter der gemeinsamen flagge ab heute. und sie lachten und taten und dachten und tranken und strömten von hier aus weiter nach nebenan. und sie unterhielten sich leise und lachten und dachten noch lange an ihre ahnen, was die so taten unter derselben fahne, wie die so lachten und dachten und tranken und taten, hier und genau so ähnlich auch nebenan. und was für helden die alle waren und alle waren zusammen fanfahren und unterhielten sich leise noch lange über ihre ahnen. wie die so waren und was die so machten und dachten. und immersoweiter, bis deutschland endlich das alles kapierte: schätze aller völker, lokomotiven aller zeiten: auch die inkas, auch die azteken, solange sich halt die gattungen unterscheiden! und wir alle lobten zusammen noch einmal die unterscheidung und wir saßen noch lange nebenan und lachten und verspeisten, was wir dabei hatten, jeder hatte sich irgendwas mitgebracht, und wir alle feierten leise. und auch er lachte und gedachte der alten zeiten: wie alles noch war damals, weißte!?

wenn alle sich endlich unterscheiden. ontologische zuspitzung, klar, peilste. jeder seine charakteristische seite – und wir alle zusammen dann einmal das gleiche.